Polit-Thriller in „Bärenhausen“
Demokratieprojekt in Bernburg: Wie ein Bürgermeister den jungen Kinderstadt-Bürgern zeigte, wie wichtig Ehrlichkeit, Kontrolle und Mitbestimmung sind.
Von Ariane Keller
„Korrupter Stadtchef entlassen“ titelte der Bernburger Kurier in seiner Ausgabe vom 8. Juli 2025. Eine Schlagzeile, die hohe Wellen geschlagen hätte, wäre die Stadt nicht die Kinderstadt „Bärenhausen“ und der Chef nicht der kurz zuvor gewählte Bürgermeister der selbigen gewesen. Für die „Bärenhausener“ Kinder aber war es natürlich das bestimmende Thema des Tages – und eine waschechte Lektion in Sachen Demokratie.
Rege Bürgerbeteiligung ist in der Kinderstadt „Bärenhausen“ an der Tagesordnung. Credit: Liebefinke/Stiftung Evangelische Jugendhilfe St. Johannis Bernburg
Versprechen gebrochen
Was war passiert? Zur 16. Auflage der Kinderstadt „Bärenhausen“ im vergangenen Sommer – ausgerichtet von der Stiftung Evangelische Jugendhilfe St. Johannis in Bernburg – hatten sich mehrere Kinderstadtparteien gegründet und ihre Kandidaten für das Bürgermeisteramt ins Rennen geschickt. Ein Bewerber ging aufs Ganze und versprach: Keine Steuern mehr in der Kinderstadt. Ein Wahlversprechen, das überzeugte. Doch was im richtigen Leben und in der Politik leider viel zu oft vorkommt, passierte auch in der von Kindern regierten Stadt: Korruption.
„Der gewählte Bürgermeister hat nicht nur seine Wahlversprechen gebrochen, sondern auch in die Steuerkasse gegriffen“, erzählt die Projektleiterin der Kinderstadt, Luisa Liebefinke. Ergebnis: Das Vergehen wurde dem Stadtrat gemeldet, es fand ein Gerichtsprozess mit Zeugen statt und anschließend wurde demokratisch entschieden, dass der Bürgermeister sein Amt aufgeben muss.
„Die Kinder haben dabei viel gelernt: Dass Betrug eben doch auffällt und dass man vielleicht nicht allen Wahlversprechen, die zu schön sind, um wahr zu sein, glauben sollte.“ Diese Anekdote ist nur ein Beispiel von vielen, wie in der Bernburger Kinderstadt Demokratie vermittelt und gelebt wird. „Natürlich haben wir den ganzen Vorfall pädagogisch begleitet und niemand wurde vorgeführt oder Ähnliches“, beschwichtigt Liebefinke.
In diesem Jahr steht die Kinderstadt, die vom 8. bis 16. Juli stattfindet, unter dem Motto „Bunt wie ein Regenbogen“. Luisa Liebefinke erklärt: „Nirgends sind Demokratie und Vielfalt so erlebbar und greifbar für Kinder und Jugendliche wie in diesem Projekt.“ Bemerkbar mache sich das nicht nur in der steigenden Anzahl der Gewerke, die die Kinder in dieser Woche ausprobieren können, oder in der wachsenden Zahl der Helfer und Teilnehmer, sondern auch bei der inhaltlichen Ausgestaltung. Die Kinderstadtparteien im letzten Sommer waren da nur der Anfang. Dass ein Projekt dieser Größenordnung neben finanziellen Hilfen auch organisatorische Unterstützung benötigt, liegt auf der Hand.
Deswegen sind wieder 85 jugendliche Betreuer ab 14 Jahren gesucht, die dem neunköpfigen Orga-Team unter die Arme greifen. Das Bewerberportal auf der Internetseite ist freigeschaltet. Wer sich dort anmeldet, erhält eine Einladung zum Bewerbertag am 10. April. Gesucht werden Jugendliche, die Lust auf die Kinderstadt und im besten Fall schon Erfahrungen mit Kindern – zum Beispiel durch die Betreuung der Geschwister – haben.
Neben den Erwachsenen und den jugendlichen Helfern ist auch das DRK in der Kinderstadt-Woche vor Ort, um die Sicherheit der „Bärenhausener“ zu gewährleisten.
„Wir helfen“ unterstützt
Zur Kinderstadt im Sommer sind dann täglich etwa 300 Kinder eingeplant. In der ganzen Woche werden 2.500 Kinder erwartet – mehr als im letzten Jahr. „Die Unterstützung von ‚Wir helfen‘ ist von unschätzbarem Wert für uns. Der Verein hat in den letzten Jahren wesentlich dazu beigetragen, dieses Projekt zu einem großen Erfolg zu machen und vielen Kindern damit Glücksmomente beschert“, so Liebefinke.